Der digitale Wandel verändert das Schweizer Vorsorgesystem

Vorsorgereform
Im Auftrag der PensExpert haben Forschende des Instituts für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen (HSG) die Folgen der Digitalisierung für das Vorsorgesystem in der Schweiz untersucht. Studienleiter Martin Eling erklärt im Gespräch, welche Reformvorschläge in der Schweizer Bevölkerung auf eine hohe Akzeptanz stossen.
Lesedauer: 5 Minuten
Geschrieben von
Jacqueline Müller
Marketing & Kommunikation


Herr Eling, die Gesellschaft und unsere Berufswelt haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. Wo sind die grössten Veränderungen zu beobachten?

Zwei wesentliche Aspekte sind in diesem Zusammenhang hervorzuheben. Es hat ein Wandel von stabilen zu volatilen Erwerbsbiografien stattgefunden. Heute wechseln Arbeitnehmer mehrmals den Arbeitgeber, arbeiten häufiger eine Zeitlang im Ausland und auch ein Wechsel zwischen selbstständiger und unselbstständiger Tätigkeit ist nicht mehr unüblich.

Und der zweite Aspekt?

Die neue Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts zeichnet sich durch eine hohe Flexibilität der Arbeitnehmer aus. Im Gegensatz zu früher sehen wir heute Job- und Desksharing in den Büros Einzug halten. Zudem verwischen die Grenzen zwischen Arbeits- und Familienleben zunehmend. Und es entstehen auch völlig neue Arbeitsformen wie Crowd- und Gig Work. Alle diese Aspekte haben einen enormen Einfluss auf die Vorsorge.

Sind wir hier in der Schweiz gut gerüstet für diesen fundamentalen Wandel?

Die Schweiz weist Standortvorteile auf wie die ausgeprägte Serviceorientierung, die helfen, den bevorstehenden Wandel zu meistern. Beispielsweise entsteht in Zug das Silicon Valley der Finanzindustrie mit vielen Fintechs, die bereits heute viele neue Arbeitsplätze schaffen.

Doch der einzelne Arbeitnehmer weiss oft nicht, welche Rentenleistungen ihn nach der Pensionierung erwarten. In einer digitaleren Arbeitswelt sollte es möglich sein, diese Informationen übersichtlich darzustellen. Laut Ihrer Studie besteht hier ein grosses Bedürfnis.

Der aktuelle Flickenteppich ist ein Problem. Wenn wir beliebige Personen fragen würden, welche Vorsorgeleistungen sie im Ruhestand erwarten, könnte dies kaum jemand korrekt quantifizieren. Jeder weiss aus eigener Erfahrungen, dass bereits das Lesen eines Pensionskassenausweises eine schwierige Aufgabe ist. Hier wäre eine digitale Lösung angezeigt, die es schafft, alle vorsorgerelevanten Informationen zusammenzuführen und verständlich darzustellen.

In Schweden und Österreich klappt das. Wieso in der Schweiz nicht?

In der Schweiz gibt es rund 1'500 Pensionskassen, die in Konkurrenz zueinander stehen, aber alle auf einer solchen Plattform vertreten sein müssten. Weiter gälte es, das Bundesamt für Sozialversicherungen als Trägerin der AHV zu integrieren, ebenso wie die diversen Anbieter im Bereich dritte Säule. Das stellt das Vorhaben vor organisatorische, aber lösbare Herausforderungen.

In der Studie haben Sie die breite Bevölkerung und Experten zu einem solchen Vorsorgecockpit befragt und beide Gruppen haben diesen Vorschlag grossmehrheitlich begrüsst.

Deshalb hoffe ich auch, dass dieser Studienbefund es schafft, eine politische Diskussion anzustossen. Damit es endlich vorwärts geht mit einem transparenten, digitalen Vorsorgeausweis.

Die COVID-19 Pandemie beschleunigt den Wandel hin zu digitalen Lösungen. Wird sich das auch auf das Vorsorgesystem auswirken?

Einerseits erhöht die Pandemie den Druck in der Vorsorge, insbesondere auch wegen der schwierigen Situation an den Kapitalmärkten. Aber andererseits befinden wir uns derzeit im Krisenmodus. Und für die Politik gibt es aktuell kaum andere Themen mehr als die Pandemie. Die angedachten Reformvorschläge des Vorsorgesystems können wir zu den Akten legen. In diesem Jahr wird diesbezüglich nicht mehr viel geschehen.

Die Pandemie hat das Arbeiten im Homeoffice salonfähig gemacht. Welche anderen gesellschaftlichen Entwicklungen fördert sie noch?

Die Solidarität in der Bevölkerung wächst – zwischen Jung und Alt, zwischen den Gesunden und Kranken, zwischen der Risikogruppe und dem Rest. Die Solidarität wird in der Schweiz oft auch kontrovers diskutiert respektive es wird diskutiert, ob diese überhaupt noch vorhanden ist. Ich glaube, dass dies sehr wohl der Fall ist, und das ist für die Vorsorge ein positives Signal.

Sie glauben, dass Pensionäre künftig eher bereit sind, auf Ansprüche zu verzichten? Sie sind die grössten Nutzniesser der Umverteilung von Jung zu Alt.

Diese Umverteilung ist ein Konstruktionsfehler in der zweiten Säule. Das muss man ganz klar so benennen. Der Umwandlungssatz wird politisch bestimmt und nicht nach objektiven Kriterien wie der Lebenserwartung und dem Zinsniveau. Und die Umverteilung ist gigantisch – es handelt sich jedes Jahr um mehrere Milliarden Franken.

Würde es helfen, die Bevölkerung für diesen Missstand zu sensibilisieren, indem auf dem Vorsorgeausweis klar ausgewiesen wird, wieviel des eigenen Vorsorgeguthabens zu den Bezügern umverteilt wird?

Bestimmt. Es sollte sichtbar sein, welche Beträge umverteilt werden. Und wie gesagt, es geht hier nicht um kleine Beträge – für jeden einzelnen Arbeitnehmer sprechen wir jährlich von tausenden bis zehntausenden Franken.

Kaum jemand bestreitet, dass ein grosser Reformdruck in der Altersvorsorge besteht. Was wäre am dringendsten zu ändern?

Wir haben in der Studie festgestellt, dass eine Flexibilisierung gewünscht wird und mehr individueller Gestaltungsspielraum. Zuerst müsste ein digitales Vorsorgecockpit eingeführt werden, damit der Einzelne überhaupt Transparenz über seine Vorsorgesituation bekommt. In einem zweiten Schritt müssten dann Massnahmen getroffen werden, um eine Gleichstellung der Generationen zu erreichen. Das haben inzwischen alle Parteien akzeptiert, auch wenn die jeweiligen Lösungsvorschläge völlig unterschiedlich sind.

Die Vorsorgeproblematik ist allseits erkannt, es bewegt sich allerdings nichts. Und wir stehen wegen des Einflusses der Digitalisierung vor einer radikalen Veränderung der Arbeitswelt. Bräuchte es also nicht auch radikale Änderungen des Vorsorgemodells?

Fundamentale Änderungen sind nicht undenkbar. Wir müssen aber unbedingt verhindern, dass der über Jahrzehnte gewachsene Kompromiss der Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer als Folge der Digitalisierung schleichend ausgehöhlt wird. Diese Sozialpartnerschaft macht einen Teil der Stärke unseres Vorsorgesystems aus. Aber klar, wir müssen das System modernisieren und adjustieren.

Ihnen schwebt ein System vor, wo die Vorsorge an die Person geknüpft ist und nicht an das Unternehmen, aber ohne dass die Unternehmen aus der Verantwortung entlassen werden?

Das wäre mein Wunsch. Die Sozialpartnerschaft sollte in einer modernisierten Form weitergeführt werden. Die paritätische Finanzierung ist wichtig und sollte auch in der 2. Säule beibehalten werden.

Die freie Wahl der Pensionskasse haben Sie in der Studie ebenfalls abgefragt. Mit welchem Resultat?

Hier war die Zustimmung der breiten Bevölkerung nicht so gross wie etwa beim Vorsorgecockpit und die Experten waren sehr skeptisch gegenüber einer freien PK-Wahl. Aus Wettbewerbssicht wäre mehr Wahlfreiheit zu begrüssen. Ein solcher Wechsel würde die Sozialpartnerschaft allerdings ein Stück weit in Frage stellen. Es müsste zumindest darüber nachgedacht werden, wie die Sozialpartnerschaft zu erneuern wäre.

Stichwort Modernisierung – wie sind die aus Deutschland bekannten Wertkonten zu beurteilen?

Das ist ein spannendes Konzept, welches in einigen Ländern bereits implementiert ist und auch für die Schweiz prüfenswert wäre.

Können Sie das Konzept der Wertkonten kurz erklären?

Überstunden und auch ein Teil des Lohns sollten – sofern gewünscht – als Wertguthaben gesammelt werden können und flexibel für Sabbaticals, Weiterbildung, die Pflege von Angehörigen sowie die Frühpensionierung genutzt werden. Das ist in den heutigen Überstundenmodellen in der Schweiz nicht vorgesehen, würde aber der neuen Arbeits- und Lebenswelt besser gerecht werden.

Das klingt beinahe wie eine vierte Säule?

Richtig. Eine stärkere Flexibilisierung der Lebensarbeitszeit könnte einen Nerv treffen. Gerade auch bei jüngeren Arbeitnehmern.

Geschrieben von
Jacqueline Müller
Marketing & Kommunikation