Wie verändert der digitale Wandel unsere Arbeitswelt und damit die Vorsorgemodelle?

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Vorsorgereform
Im Auftrag der PensExpert haben Forschende des Instituts für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen (HSG) die Folgen der Digitalisierung für das Vorsorgesystem in der Schweiz untersucht.
Lesedauer: 10 Minuten
Geschrieben von
Jacqueline Müller
Marketing & Kommunikation

Neue Studie zeigt Lösungen für Reformen im Vorsorgesystem auf


Die neue Studie des Instituts für Versicherungswirtschaft der Universität St.Gallen (I.VW-HSG) zeigt eine erstaunlich hohe Akzeptanz der Schweizer Bevölkerung gegenüber Vorsorgereformen auf. Basis der Studie, die das Vorsorgeunternehmen PensExpert aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums in Auftrag gegeben hat, ist eine repräsentative Umfrage sowohl unter der breiteren Bevölkerung als auch Experten in der Schweiz. Vorgelegt wurden insgesamt sieben Reformvorschläge. Diese wurden aufgrund einer Analyse abgeleitet, welche den Einfluss wichtiger Megatrends wie etwa der Digitalisierung der Arbeitswelt auf die Vorsorgesysteme untersucht.


Alle Arbeitsmodelle einbeziehen 

So befürworten Nicht-Experten (76,5%) sowie Experten (73,3%), die gesamte Bevölkerung in die Vorsorge einzubinden, insbesondere die heute vorsorgetechnisch benachteiligen Selbstständigen und Geringverdiener. Anvisiert wird auch die Integration atypischer Beschäftigungsformen wie Crowdworking, Jobsharing, bis hin zur Arbeit auf Abruf. Zurzeit werden zwar alle Personen in die AHV einbezogen. Die berufliche Vorsorge beschränkt sich jedoch auf Arbeitnehmer. Selbständige müssen sich freiwillig versichern. Weiter sind Einkommen unterhalb einer bestimmten Grenze nicht oder nur ungenügend berücksichtigt. 


Zentrales digitales Vorsorgeporta

Höchste Akzeptanz bei beiden Gruppen erzielt der Vorschlag, ein digitales Vorsorgeportal einzuführen, das alle vorsorgerelevanten Daten zusammenführt und jedem Einzelnen einen transparenten Überblick über die Gesamtleistungen aus allen Vorsorge-Säulen ermöglicht. Die Zustimmungsquoten in der breiten Bevölkerung beträgt 81,1% und bei den Experten 76,5%. Entsprechende digitale Portale existieren bereits in Schweden und Österreich. In der Schweiz sind jedoch noch keine derartigen Initiativen zu beobachten. 


Aktive Steuerung der Vorsorgeentscheidungen 

Die Ergänzung des Portals mit einem persönlichen Vorsorgekonto, das es erlaubt, aktiv in Vorsorgeentscheidungen einzugreifen, findet ebenfalls eine hohe Zustimmung. Eine solche Funktion schafft die Möglichkeit, Versicherungsleistungen, die Wahl der Kapitalanlagepolitik in den diversen Säulen, Einkäufe in die Pensionskasse und weitere Eingriffe zu optimieren und auf die individuellen Bedürfnisse abzustimmen. Die befragten Vertreter der Bevölkerung begrüssen diesen Vorschlag mit 69,0% zu und die Experten sogar mit 75,0%. 


Wertkonten zur flexibleren Arbeitszeitgestaltung 

Nicht-Experten (68,8%) sowie Experten (75,0%) stimmen auch der Einführung von sogenannten Wertkonten zu, wie sie sich bereits in Deutschland bewähren. Diese werden in Ergänzung zum Vorsorgesystem geführt und erlauben es, gewisse Lohnbestandteile wie Überstunden in Wertguthaben zu wandeln und anzusparen. Diese können dann im Bedarfsfall flexibel für Sabbaticals, Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen eingesetzt werden. Damit kann auch eine Flexibilisierung der Arbeitszeit sowie des Rentenalters unterstützt werden. 


Einbezug aller Einkunftsarten, freie Wahl der Pensionskasse 

Anklang in der Bevölkerung (58,0%), weniger jedoch bei den Experten (25,0%), findet die Idee, Vorsorgebeiträge nicht nur auf den Löhnen, sondern auch auf weiteren Einnahmequellen abzuführen. Dies beträfe zum Beispiel Einkommen aus Kapitalerträgen wie Zinsen auf Vermögen. Ferner stimmt die Mehrheit der befragten Bevölkerung (54,4%) der freien Wahl der Pensionskasse zu, welche nicht mehr an den Arbeitgeber gebunden sein soll. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass die Arbeitnehmer immer öfter den Arbeitgeber wechseln, was aufwändige Pensionskassentransfers nötig macht. Während die AHV bereits arbeitgeberunabhängige Versichertenkonti führt, ist dies in der zweiten Säule noch nicht der Fall. Die befragten Experten zeigen sich diesbezüglich skeptisch (29,4% Zustimmung). 


Individuelles Sparkonto 

Die Idee, das Vorsorgesystem auf individuelle Sparkonti umzustellen, die jedem einzelnen Versicherten zur Ansammlung von Vorsorgekapital dient und aus dem bestimmte Versicherungsbeiträge gespeist werden, findet ebenfalls bei der Mehrheit der Bevölkerung Zustimmung (60,5%), nicht aber bei den Experten (47,1%). Ein solches Modell mit dem Singapur 1984 sein Gesundheits- und Vorsorgesystem reformiert hatte, würde das Schweizer System am radikalsten umstellen und ist dementsprechend umstritten. 


Fazit 

«Generell zeigt sich die Bevölkerung sehr offen für alle Reformvorschläge, während das Feedback der Experten deutlich zurückhaltender ausfällt», fassen die beiden Autoren Prof. Dr. Martin Eling und Christoph Jaenicke vom I.VW-HSG die Studie zusammen. Demnach stösst bei den Experten eine Ergänzung des bestehenden Systems auf eine positivere Resonanz als radikalere Anpassungen wie die freie Pensionskassenwahl oder die Umstellung auf individuelle Sparkonten. Unbestritten ist, dass das Schweizer Vorsorgesystem der sich durch die Digitalisierung verändernden Arbeitswelt Rechnung tragen muss. Prof. Dr. Martin Eling betont: «Wir müssen unbedingt verhindern, dass der Kompromiss der Sozialpartnerschaft als Folge der Digitalisierung schleichend ausgehöhlt wird».   

Geschrieben von
Jacqueline Müller
Marketing & Kommunikation